9 1/2 Fragen an die Filmemacherin und Lebenskünstlerin Laura Thies

By 5. September 2012Allgemein, Blog, Interviews
Laura Thies am Set

Vor 12 Jahren machte ich einen kleinen Ausflug an ein kanadisches Internat mitten im Nirgendwo und verbrachte dort ein tolles Schuljahr mit einer Menge interessanter Menschen aus der ganzen Welt. Wie es der Zufall wollte, war ich nicht der einzige Deutsche dort und so gab es eine kleine Gruppe Deutscher im „Exil“. Heute möchte ich euch eine junge Frau vorstellen, die sehr viel länger in den Staaten geblieben ist, als der Rest der einstigen Exil-Schüler, Laura Thies. Laura hatte es nach dem Abschluss in Kanada nach New York verschlagen, wo Sie eine Ausbildung zur Schauspielerin,  Filmemacherin und nach eigenen Angaben zur Lebenskünstlerin absolviert hat. Dieses Jahr stellt sie nun ihren ersten Film als Director und Editor vor und ich habe sie hierzu um ein kleines Interview gebeten. Mehr zur Person Laura Thies findet ihr im übrigen unter http://www.laura-thies.com

1. Worum geht es in deinem aktuellen Film „Surviving Family“ und wer hatte die Idee dazu?

Laura Thies: Der Film handelt von Terry Malone, einer jungen Frau deren Mutter sich an ihrem 13. Geburtstag umgebracht hat. Sie ist intelligent, schön und steht kurz davor einen tollen Mann zu heiraten. Doch das Leben in ihrer zerrütteten Familie – geprägt von Alkoholismus, psychischer Erkrankungen, und dem Selbstmord – hat sie nicht gut darauf vorbereitet nun selber ein glückliches Leben zu leben. Nach dreijähriger Abwesenheit besucht sie ihre Familie, um sich zu versöhnen und die Hochzeit gemeinsam zu feiern. Dieser Besuch zwingt Terry der Wahrheit über den Tod ihrer Mutter, das Leben ihres Vaters, und die Halbschwester, von der sie nicht wusste, ins Gesicht zu sehen.

Geschrieben wurde das Drehbuch von Mara Lesemann, eine tolle Drehbuchautorin mit der ich seit 2005 zusammen arbeite. Bis jetzt haben wir seit dem drei Kurzfilme und zwei Theaterstücke auf die Beine gestellt und haben nun unseren gemeinsamen Traum einem Spielfilm zu machen, in Erfüllung gebracht!

Trailer zum Film „Surviving Family“:
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2. Wie bist du zu diesem Projekt gekommen und welche Aufgaben hast du konkret für das Projekt übernommen?

 

 

Laura Thies: Im Sommer 2007 haben Mara und ich unseren zweiten Kurzfilm ‚Jumpstart’ gedreht. Bei den Vorbereitungen haben wir viele gemeinsame Stunden im Auto verbracht um uns Motive anzusehen und da hat mir Mara das erste Mal von der Idee erzählt. Ende 2009 hielt ich dann die erste Fassung des Drehbuchs in der Hand und Anfang 2010 haben wir einige Schauspielerfreunde eingeladen, um das Skript mal laut und lebendig vorgelesen zu hören. Es hat damals schon viel funktioniert, aber einiges war noch nicht so ganz filmreif und wir haben beschlossen, den Film im Sommer 2011 zu drehen. Im Mai 2010 habe ich dann meinen Vertrag unterschrieben Regie zu führen und auch den Schnitt zu machen. Das haben wir eigentlich immer so gemacht und das hat auch recht gut geklappt. Ich habe Mara aber gesagt, dass falls eine von uns das Gefühl hat, dass ich den Film nicht schneiden oder nicht weiterschneiden sollte, dass wir dann einen anderen Cutter suchen. Es war natürlich ein Wahnsinns-Gefühl diesen Vertrag zu unterschreiben!

Es ist dann auch dabei geblieben, dass ich Regie geführt habe und Cutter war, habe dann aber auch noch als Associate Producer und Postproduction Supervisor agiert, habe den Abspann und Titel gemacht… wie das halt so bei Ultra-Low-Budget Projekten ist – man springt ein, wo man kann!

3. Welche organisatorischen und finanziellen Hürden waren die größten dieses Projekts und wie habt ihr diese gemeistert?

 

Laura Thies: Den unglaublichen Luxus den ich als Regisseurin hatte, war, dass Mara den Film komplett selber finanziert hat! Dadurch hatten wir beide die seltene Freiheit, den Film zu machen, den wir machen wollten!

Die größte finanzielle Hürde war die, dass wir auf einmal einen richtigen Spielfilm mit wahnsinns Schauspielern und einer riesen Crew mit tollen Leuten hatten. Das kam daher, dass Mara die Casterin Caroline Sinclair auf einem Film Festival getroffen hatte und an Bord gezogen hat. Caroline hat uns Schauspieler wie Phyllis Sommerville (Benjamin Button…) und Vincent Pastore (Sopranos…) ermöglicht! Damit stieg dann natürlich das Budget! Dann musste man natürlich noch die Agenturen von diesen Schauspielern überzeugen, dass es ein tolles Projekt ist. Da es Maras und mein erster Spielfilm war, haben viele es uns nicht ganz zugetraut! Also haben wir dann noch einen tollen Kameramann, Timothy Naylor, und seine Crew eingestellt. Das hat die Agenturen beruhigt, aber wieder das Budget angehoben.

Es hat sich aber wirklich gelohnt. Wir haben einen einzigartigen Cast und der Film sieht einfach wunderschön und professionell aus! Und ich weiß, dass Mara es keineswegs bereut, dass sie dann doch mehr Geld investiert hat! Mit bekannteren Schauspielern erhofft sie sich natürlich auch mehr Chancen bei Festivals, Verleihern…

Und ansonsten gab es halt die üblichen organisatorischen Schwierigkeiten. Zwei Motive haben wir kurz vor Drehbeginn wegen Drehgenehmigungen verloren. Das war natürlich ärgerlich und wir mussten dann noch mal während des Drehs Besichtigungen machen, aber im Nachhinein war es auch genau richtig. Es hat dann alles viel besser gepasst!

4. Wie viele Leute habt ihr benötigt um das Projekt zu realisieren?

 

 

Laura Thies: Schauspieler hatten wir 37! Da war alles dabei von Baby bis älterer Dame und alles dazwischen. Für mich als Regisseurin ein Traum und eine tolle Herausforderung! Crew hatten wir an normalen Tagen um die 30, manchmal waren es aber auch bis zu 40, oder so. Ich habe da dann aber ehrlich gesagt irgendwann den Überblick verloren!

5. Wie ich gelesen habe, seit ihr fleißig auf Filmfesten unterwegs. Wie war die Resonanz bisher und wo stellt ihr den Film überall vor?

 

 

Laura Thies: Ja genau. Am 3. August hatten wir Weltpremiere beim ‚Woods Hole Film Festival’ auf Cape Cod. Seit dem waren wir auf dem Columbia Gorge International Film Festival in Vancouver, Washington State, dem ‘Indie Gathering’ in Ohio und dem ‘Action on Film Festival’ außerhalb von LA. Die Resonanz war überwältigend bis jetzt. Wir haben auf allen Festivals sehr gutes Feedback bekommen und bis jetzt durften wir sogar schon fünf Preise und vier Nominierungen mit nach Hause nehmen! Das ist fantastisch!

Anfang September stehen das ‘Central Florida Film Festival’ in Orlando und das ‘Toronto Indie Film Festival’ an, und dann Anfang Oktober noch das ‘Golden Door International Film Festival of Jersey City’. Wir haben aber auch noch ganz viele Bewerbungen draußen und mein großer Wunsch ist es selbstverständlich, dass wir den Film auch bald in Deutschland präsentieren dürfen.

 

Behind the Scenes Interview mit Laura Thies:
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6. Wenn ich den Film sehen möchte, gibt es eine Möglichkeit diesen auch in Deutschland zu bekommen oder zu sehen?

 

Laura Thies: Da arbeiten wir dran! Wie gesagt, Bewerbungen für Festivals sind draußen. Ich versuche gerade auch ein Kino für einen Abend im Herbst hier in München zu organisieren, schließlich würde ich den Film natürlich auch gerne in meiner Heimat vorstellen, auch wenn er auf Englisch ist! Am besten kann man sich auf unserer Webseite informieren und selbstverständlich haben wir auch eine Facebook Seite, auf der man die Zukunft des Films verfolgen kann. Für Nordamerika haben wir schon einen Agenten, der nun für uns nach Distributionen sucht. An dem Rest der Welt arbeiten wir noch ; )

 

 

7. So einen Film zu produzieren ist aufwendig. Wie sehen deine nächsten Projekte aus? Hast du weitere Filme geplant oder möchtest du dich anderen Gebieten, wie der Schauspielerei in Zukunft zuwenden?

Laura Thies: Es heißt, es ist schwierig den ersten Spielfilm zu machen, es ist aber tausendmal schwieriger einen zweiten zu machen! Die große Frage ist dann nämlich, wie man das nächste Projekt findet und da ich ja auch etwas eine Weltenbummlerin bin, ist das erst recht nicht einfach.

Ich habe über acht Jahre in New York gelebt, seit ich 18 geworden bin. Das heißt, dass ich alles, was ich als Filmemacherin gemacht habe, in den USA stattgefunden hat und auch die Menschen, die ich dabei kennengelernt habe, sind dort. Seit 2010 bin ich wieder mehr in Deutschland, da ich kein langfristiges Visum habe, also versuche ich mir hier gerade etwas aufzubauen. Das heißt aber, dass ich fast ganz von vorne und ganz unten wieder anfange. Das deutsche System ist ganz anders. Hier läuft alles über Fernsehsender und Fördergelder, und da muss man erst einmal hineinwachsen. Man muss die Leute kennenlernen und die Leute müssen einen kennenlernen. Man hat mir letztes Jahr im Frühjahr gesagt, dass ich als Regisseurin in Deutschland nie eine Chance haben werde, wenn ich nicht an die HFF – Hochschule für Film und Fernsehen – gehe, da man dort schon anfängt sein Netzwerk aufzubauen. Ein paar Wochen später habe ich dann einem deutschen Kollegen erzählt , dass ich im Sommer mein Spielfilmdebut in NY drehe. Er hat dann gesagt, dass das ja schön und gut ist, aber dass ich doch bitte zurückkommen soll und dann mein richtiges Spielfilmdebut in Deutschland drehen soll. Aber ich lasse mich von solchen Aussagen nicht abschrecken! Ich habe hier in München eine wahnsinnig tolle und talentierte Drehbuchautorin und Schauspielerin, Josephine Ehlert, kennengelernt. Mit ihr habe ich eine Idee entwickelt, und sie arbeitet nun an dem Buch! Wir hoffen, dass wir das 2013 hier drehen können!

Und Mara arbeitet schon an drei neuen Drehbüchern. Wir müssen ‚nur’ ‚Surviving Family’ gut verkaufen und dann kann es weitergehen!

Ja die Schauspielleidenschaft, die liegt mir immer noch sehr am Herzen! Ich stehe eigentlich immer nebenher auf der Bühne und spiele bei kleinen Projekten mit, meistens so zwei bis drei Stücke im Jahr. Tanz, Gesang und Schauspielunterricht nehme ich auch wenn ich Zeit habe, und ich habe mir auch schwer vorgenommen, mich demnächst bei Castern und Agenturen vorzustellen, damit ich bald auch mehr vor der Kamera spiele. Aber der Tag hat ja leider auch nur 24 Stunden!

8. Was sind deine Top 5 Learnings, die du jungen Filmemachern auf den Weg geben würdest?

 

Laura Thies: Puh, das ist schwer. Hier also meine Weisheiten: 1. Sei dir für nichts zu schade und lass dir nichts zu blöd sein. 2. Nimm nichts, aber auch gar nichts persönlich. 3. Versuche so viel Erfahrung wie möglich zu sammeln, das heißt auch in den verschiedenen Abteilungen zu arbeiten, denn das wird dich gerade als RegisseurIn stärker machen, auch wenn es nicht immer Spaß macht. 4. Lass dich nicht vom System mitziehen, sondern folge deinem eigenen Instinkt! 5. Sei mit Leidenschaft dabei und stehe hinter dem was du machst. Folge deinem Traum! 6. Arbeite nicht für Geld sondern für dich selbst!

9. Welche Filme inspirieren dich und welche Filmemacher sind, sofern du welche hast, deine Vorbilder?

 

Laura Thies: Vorbilder habe ich eigentlich keine. Ich finde es generell nicht so toll, wie diese Brache geführt wird. Es geht zu oft nicht um Talent und Qualität sondern darum, wie groß ein Name ist und wen man kennt. Das ganze Celebrity-Getue zerstört oft das Handwerk und die Kunst am Film. Egal ob Hollywood oder Deutschland, wir sehen immer nur die gleichen Gesichter in den gleichen Charakteren in ähnlichen Geschichten. Deshalb bewundere und folge ich auch nicht bestimmte Berühmtheiten. Mit mir kann man sich auch nicht über bekannte Leute unterhalten, da ich keine Namen kenne. Mein Gehirn sträubt sich irgendwie davor, diese Informationen zu speichern. Ich weiß aber auch, dass das ein wichtiger Teil meines Berufs ist und ich mich früher oder später doch damit beschäftigen muss ; )

Bis dahin versuche ich einfach so viele Filme und Serien wie möglich anzusehen, vor allem auch die Klassiker und die Filmemacher, die den Film geprägt haben, und Indies. Dabei picke ich mir überall so das raus, was mir gefällt und sammel es in meiner Toolbox im Gehirn.

 

Ahh, was mich inspiriert sind besondere Projekte. ‚Missed Connections’ zum Beispiel. Das ist eine neue Spielfilmkomödie, die auch auf dem Woods Hole Film Festival gelaufen ist. Der Film wurde von einem jungen Schauspielerpärchen produziert und er hat auch das Buch geschrieben. Super witzig und einfach gut gemacht und das ganze für 25.000 USD. Da hat man die Leidenschaft richtig gespürt. Klar hat niemand einen Gehaltscheck bekommen und man könnte jetzt sagen, dass das die Branche kaputt macht, da man alle Preise drückt, wie es nur geht. Das ist schon richtig, aber auf der anderen Seite arbeiten wir ja als Künstler. Da sollte es doch eigentlich nicht um Geld gehen. Es ist ja zu oft so, dass um so mehr Geld in einem Projekt steckt, um so weniger Freiheiten hat man, da jeder Sender, jede Förderung, jeder Produzent seine eigenen Ansprüche hat. Aber bei ‚Missed Connections’ hat man sich mit seinen ganzen verrückten Filmemacherfreunden zusammen getan und hat einfach gemacht, was wir immer machen sollten und das Resultat ist richtig gut! Da möchte ich dann einfach aufspringen und am liebsten gleich am nächsten Tag loslegen!

 

Wer mehr über den Film „Surviving Family“ erfahren möchte, kann sich einen eigenen Eindruck auf der Internetseite zum Film unter  http://www.survivingfamily.us verschaffen. Fragen an Laura zum Projekt oder dem Werdegang eines Filmemachers wie immer gerne im Kommentarteil. Ich hoffe ihr hattet Spaß an diesem kleinen Interview, denn nächste Woche Mittwoch gibt es an gleicher Stelle wieder 10 Fragen an einen fleißigen Newcomer. In diesem Sinne freu ich mich auf Feedback, bis nächste Woche.

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